Bangkok, 09:45 Uhr, Suvarnabhumi Airport. Ich ließ die Tür des silbernen Nissan Almera zu fallen und stellte die Klimaanlage von 16°C auf 25°C Grad, woraufhin der künstliche Zyklon im Auto, eingestellt vom Autovermieter, langsam an Kraft verlor. Erstes Ziel: 7-Eleven – Ich brauchte dringend einen Kaffee!
Vorsichtig gab ich etwas Gas. Es passiert erstmal – nichts. „Wow, eine kleinere Maschine gab es vermutlich nicht“, dachte ich und drücke das Gaspedal voll durch, woraufhin der Wagen endlich etwas Fahrt aufnahm. „Linke Seite, linke Seite, linke Seite“ sagte ich zu mir laut, während ich mich souverän in den linksverkehr einfädelte und bei der nächsten Kreuzung erstmal direkt den Scheibenwischer betätigte. Quietschend zeichnete der Wischer einen staubigen Streifen auf die trockene Autoscheibe. „Ach ja, der Blinker war ja auch auf der anderen Seite“.
Mein nächstes Ziel war der kleine Ort Suphanburi im Norden von Bangkok. Dort sollte in einem Tempel ein legendärer Tamarindenbaum stehen, der mit 1000 Jahren der zweitälteste Baum Thailands ist. Zunächst musste ich allerdings durch das Herz der knapp sechs Millionenstadt Bangkok fahren. Ich hatte mich bereits im Voraus ein wenig informiert und mit dem Schlimmsten gerechnet, doch die Fahrt verlief relativ geschmeidig und flüssig. Sicher, es war sehr viel los auf den Straßen und eigentlich fuhr jeder, wie er wollte. Aber wenn man damit rechnete und aufmerksam blieb, empfand ich es gar nicht mehr als Problem. Bereits um 14 Uhr war ich auf dem Weg aus der Stadt heraus und konnte es kaum erwarten, die 15 Millionen Einwohner, den Lärm und den Gestank hinter mir zu lassen.
Schon nach wenigen Kilometern änderte sich das Stadtbild. Anstelle der zuvor gesehenen schicken Lokale, Restaurants, Cafés und Boutiquen für jegliche soziale Schicht, gab es nun vermehrt Einzelhandels- und Spezialgeschäfte, beispielsweise für Reifen oder Haushaltswaren. Obwohl ich immer noch in Bangkok war, sah ich kaum noch Farangs (Ausländer) und wirklich keinerlei Touristengeschäfte mehr. Langsam wurden die Bebauungen weniger, bis ich letztendlich auf einer zweispurigen Landstraße gen Norden unterwegs war. Die Schilder am Straßenrand waren nun überwiegend auf Thai, aber ab und zu wies ein großes gelbes Schild auf Englisch darauf hin, doch bitte nicht zu schnell zu fahren. „REDUCE SPEED”, in Kombination mit einem 90er-Schild. Neunzig!! Die Straßen hier waren so unberechenbar: voller Schlaglöcher und ohne Fahrbahnmarkierungen. Oder sie verwandelten sich urplötzlich in Schotterpisten. In meinem kleinen, schwachen Mietwagen kam ich mir bereits mit 60 km/h oft zu schnell vor. Aber ich hatte es ja auch wirklich nicht eilig. Mit guter Musik aus meiner Bluetooth-Box – eine Bluetooth-Verbindung hatte das Auto nämlich gar nicht – bewegte ich mich entspannt, aber stetig weiter. Ich ließ die Umgebung an mir vorbeiziehen und beobachtete das lokale Treiben am Straßenrand. Gefährte sämtlicher Bauart und in jedem Zustand waren oftmals meterhoch mit allerlei Gegenständen beladen. Aufgemotzte Pick-ups, einer höher und optisch aggressiver als der andere, zischten an mir vorbei. Menschen saßen zwischen Arbeitsmitteln und Ladung auf Ladeflächen von Pick-ups oder Lkws und dösten vor sich hin. Währenddessen verwandelte sich die Umgebung in satte grüne Wiesen, die fast ein wenig an die Wiesen im Norden Europas erinnerten.

In mir stellte sich ein wohliges, freudiges Gefühl voller Freiheit, Individualität und Abenteuerlust ein. Zwar war die Zeit der schönen Strände und Palmen vorbei, doch ich war sehr gespannt auf die nächsten fünf Tage im Landesinneren, im „echten“ Thailand. Allzu sehr in Tagträumereien versinken konnte ich allerdings nicht, da ich immer wieder durch spontane, gefühlt metertiefe Schlaglöcher oder extrem dicke Farbstreifen auf der Fahrbahn aufgeschreckt wurde. Diese sollten wohl zur Geschwindigkeitsreduktion motivieren. Den Thais waren diese Umstände offensichtlich total egal. Sie „ballerten“ einfach unbeeindruckt über die Löcher und „Abgründe“ sowie die viel zu hohen Farbstreifen.
exploring suphan buri
Nach etwas weniger als drei Stunden Fahrt erreichte ich gegen 17:45 Uhr meine Unterkunft, das Baan Tor Mai Resort in Suphan Buri. Zuvor hatte ich noch einen Stopp in dem nahegelegenen großen Shoppingcenter „Big C“ eingelegt und das Nötigste für die nächsten Tage besorgt. Bereits in der Einkaufsmall fiel mir auf, dass ich der einzige Europäer war. Einige Thais schauten mich sehr verwundert, aber zugleich interessiert an. Extrem wurde dies allerdings, als ich anschließend noch über den nahegelegenen Foodmarket schlenderte. Es schien fast so, als hätten die hier lebenden Thais noch nie einen Europäer gesehen – und das, obwohl ich nur wenige hundert Kilometer von Bangkok entfernt war! Englisch sprach hier sowieso niemand mehr, sodass die Übersetzungs-App langsam mein nützlichster Begleiter wurde. Der Foodmarket war viel mehr als nur ein Essensmarkt. Es gab Autositze, Jeans, Hoodies, Taschen und vieles mehr. Nur die mir bekannten „typischen” Touristenshops mit bedruckten Tank-Tops und bunten, leichten Kleidern fehlten komplett. Ich war auf einem authentischen Markt der lokalen Bevölkerung in einer kleinen Stadt geraten, weit abseits der Tourismusindustrie. Es war herrlich! Genauso hatte ich es mir vorgestellt. Ohne meine Mission wäre ich niemals hierhergekommen und hätte diese Situation niemals erlebt.

Beim Einchecken in der Unterkunft war die Sprache dann wieder das größte Problem. Die beiden sehr jungen Thais waren zwar sehr bemüht und äußerst freundlich, konnten allerdings kein Englisch, sodass das Einchecken über das Telefon mit dem Chef abgewickelt werden musste und insgesamt fast 20 Minuten dauerte. Die Unterkunft selbst war umgeben von einigen Fischteichen und das Gelände war recht ansehnlich gestaltet, fast wie in einem Freizeitpark. Mein Zimmer war auf den ersten Blick in Ordnung, wenn auch sehr abgewohnt. Aber für meinen Zweck sollte es reichen, denn ich brauchte keinen Luxus. Ich schnappte mir ein Bier und machte mich zu Fuß auf den Weg in das nahe gelegene „Zentrum” des Ortes. Laut Navigationsapp sollten sich dort zwei Restaurants und der Wat-Khae-Tempel mit dem legendären Tamarindenbaum befinden.






Der Himmel färbte sich schon langsam etwas orange-rötlich, als ich von der Einfahrt des Hotels auf die Straße trat. Die Straße selbst war in sehr gutem Zustand und die Häuser, die ich passierte, waren ebenfalls sehr ordentlich, ansehnlich und gepflegt. Vor vielen Häusern standen arrangierte Blumentöpfe, bepflanzt mit allerlei bunten Blumen. Rechtsseitig von mir schlängelte sich ein Kanal, während sich links grüne Wiesen öffneten. Offensichtlich ging es diesem Ort sehr gut und es fühlte sich schon ein wenig so wie auf dem Land in Norddeutschland an – an einem warmen Augustabend natürlich. Schon merkwürdig.
Das vertraute Gefühl verschwand allerdings wieder sofort, als ich auf einige geschäftige Thais traf, die mich erneut mit ungläubigen, interessierten Blicken musterten. Bereits nach knapp ca. 700 Metern erreichte ich den Ortskern und musste feststellen, dass die von der Navigatiosnapp angezeigten Lokale entweder nicht vorhanden waren oder bereits geschlossen hatten. Eine Ausgehkultur gab es hier jedenfalls nicht. Mir blieb also nur das Restaurant auf dem Gelände der Unterkunft, sodass ich, mittlerweile umhüllt in tief rotem Abendlicht – und in Begleitung von zwei Hundewelpen, den Rückweg antrat.
scharf, knackig, fisch?
Nachdem ich mir ein frisches Bier bestellt hatte, warf ich einen Blick in das Menü des Restaurants. Alles nur auf Thai. Ich zückte meine Übersetzungsapp und entschied mich für einen „ganzen Fisch“, einer mir unbekannten Art, mit „scharfem Salat“. Schließlich war ich hier umgeben von Fischteichen, da wird das schon gut sein. Als ich der Bedienung mittels Handzeichen meine Auswahl bekannt gab, schaute sie mich allerdings ungläubig und fragend an. Erst nach mehrmaligem Tippen auf das Menü, bei gleichzeitigem nicken, nahm sie die Karte wieder an sich und entfernte sich langsam vom Tisch. „Geht doch“, dachte ich mir und schenkte mein Bier nach, als plötzlich der Chefkellner neben mit erschien und die Karte erneut vor mich ablegte. Auf gebrochenem Englisch fragte er mich, ob ich dieses Gericht tatsächlich bestellen wollte, da es sich um einen ganzen Fisch handelte. So verstand ich es zumindest. Ich bejate und der Chefkellner verschwand in die Küche. „Merkwürdig, was hatte ich denn da bestellt?“ fragte ich mich und nahm einen großen Schluck, während ich auf den Fischteich schaute.
Einen zerschnittenen, schwarzen, kross gebratenen und teilweise sogar verkohlten Fisch, voller Innereien, garniert mit einer Art scharfem, für mich kaum essbaren Krautsalat. „Oha„, dachte ich, „selber schuld, da musst du jetzt durch“. Mit der Gabel versuchte ich, Teile des krossen Fisches abzubrechen um etwas essbares freizulegen, was mit nur ansatzweise gut gelang. Bei jedem Biss knirschte und knackte es in meinem Mund und der scharfe Krautsalat trieb mir den Schweiß auf die Stirn und den Schmerz in den Mund. Irgendwie schaffte ich es letztendlich doch, den Fisch, so gut es mir möglich war zu zerlegen und zu mir zu nehmen. Auch den Krautsalat aß ich komplett auf, schließlich konnte ich mir die Blöße nach der Aktion nicht geben. So richtig satt war ich aber immer noch nicht. „Das Frühstück wird es richten“ dachte ich mir und bestellte mir ein weiteres kaltes Bier.

„Das Frühstück wird es richten“. Selten lag ich so sehr daneben, wie mit dieser Aussage. Im Großen und Ganzen gab es nur eine dünne Reissuppe, einen Wasserkocher für Instantkaffeepulver aus kleinen Pappbechern sowie etwas weißes Toast mit zweierlei, roter „Marmelade“ – Sollte es zumindest sein. Allerdings schmeckte die eine „Marmelade“ mehr nach Kaugummi und hatte eine Konsistenz wie Silikonfugendichter, während die andere wenigstens ein wenig Frucht enthielt und im Ansatz nach Erdbeere schmeckte. „Wird schon gehen, muss ich halt viel Toast essen“, dachte ich, während mein Magen laut aufknurrte. „Außerdem bin ich ja nicht zum Spaß hier“ sagte ich nun abermals laut zu mir und strich grinsend fingerdick Butter auf eine Toastscheibe, während ich aus den Augenwinkeln die Augen der übrigen asiatischen Gäste auf mir ruhen sah. Auch das gehörte zu diesem „Erleben„- und das wollte ich ja so sehr.
